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Ronald Reng, The Funny German

„The Funny German“, ‚Der lustige Deutsche‘? Das gibt es doch gar nicht, denke ich, als ich den Titel lese. Ein lieber Freund hat mir das Buch geschenkt, u.a., weil es in London spielt, und er kennt meine Vorliebe für England, die Engländer und London.

Der Autor, Ronald Reng, ist trotz des englisch anmutenden Vornamens Deutscher, hat von 1996 bis 2001 selbst in London gelebt. ‚Der lustige Deutsche‘! Erinnert mich plötzlich an ein Gericht, das ich als Studentin oft beim Jugoslawen bestellt habe: Der lustige Bosniak! Klingt irgendwie nach Volksmusik und aufgesetzter Heiterkeit. Mit solchen, wenn mir auch nur unterschwellig bewussten Gefühlen beginne ich den Roman zu lesen, in der Erwartung, dass es jetzt gleich mächtig lustig zugehen müsste im schönen London. Stattdessen erfährt man von der Nervosität des deutschen Komikers Andreas Merkel – Angela Merkel: Was hat der Autor sich bei dieser Namensgebung gedacht? – vor seinem abendlichen Auftritt in einem Pub; von seinen Lockerungsübungen der Kiefermuskulatur mit einem Korken. Viel zu früh hat er sich auf den Weg gemacht im Auto seines Freundes und Managers Jim Merton. Er wirkt übermäßig angespannt, behauptet, vor Auftritten nie Alkohol zu trinken, um sich dann in einem Pub einen Kaffee mit Rum zu bestellen, womit sowohl auf den selbstgerechten Heuchler als auch das gleichnamige Getränk, nämlich den Pharisäer, angespielt werden soll. So zumindest kommt mir diese Textstelle vor. Er versucht sich damit von einer ausgesprochen peinlichen und unangenehmen Situation mit einem Schwarzen in einem Supermarkt zu erholen, den er noch kurzfristig aufgesucht hat und eiligst verlässt, um nicht in eine handgreifliche Auseinandersetzung und mehr verwickelt zu werden. Die Provokation allerdings ging von ihm selbst aus. Man spürt gleich, dass man es bei der Hauptfigur mit einem etwas schwierigen Zeitgenossen zu tun hat, der das Talent besitzt, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das man ihm hinstellt; ein Mensch, der die Dinge nicht so im Griff zu haben scheint, wie er uns manchmal glauben machen will. Wenn Komiker, denke ich, dann mit den ‚Tears Of A Clown‘, einem meiner Lieblingssongs längst vergangener Zeiten.

Und es soll noch schlimmer kommen: Einer spontanen Regung folgend, macht er sich noch kurz vor Beginn seines Auftritts auf den Weg zu seiner Lieblingspatisserie in einer Nebenstraße, um ein Croissant zu erstehen. Dort jedoch kommt er nie an. Wie aus dem Nichts kommend taucht links von ihm plötzlich ein Radfahrer aus der Dunkelheit vor seiner Windschutzscheibe auf. Er ist nicht zu schnell gefahren, kann aber auch nicht mehr bremsen und überfährt den zwölfjährigen Jungen, der sofort tot ist. Wegen der vollaufgedrehten Musik im Auto hat Merkel ihn weder kommen hören, noch war er gefasst darauf. Das Bild wird er nun nicht mehr los. Vorbei ist es nun mit seinem Lachen und seiner Lustigkeit. Man klagt ihn nicht an, man verurteilt ihn nicht, doch damit kann sich niemand trösten, der einen Menschen – unter welchen Umständen auch immer – getötet hat. Paradoxerweise  nimmt sowohl der Bekanntheitsgrad als auch der Erfolg von Andreas Merkel, „The Funny German“, genau wegen dieses Unfalls zu, über den nach und nach auch in den Medien berichtet wird. Sogar die Mutter des getöteten Jungen sucht den Kontakt zu ihm – nicht, um ihn anzuklagen, sondern um mit ihrem Schmerz über den unbegreiflichen Verlust besser zurechtzukommen. Später stellt sich heraus, dass Freunde des Jungen die Bremsen an seinem Fahrrad manipuliert hatten, so dass er gar nicht hat reagieren können. Tragisch die ganze Situation, auch oder gerade wegen der Unvermeidlichkeit der Katastrophe.

In dieser Zeit lernt Merkel die junge Studentin Orla kennen, mit der er sich erstmalig eine feste Beziehung vorstellen kann. Im Verlauf des Romans wird dem Leser deutlich, dass Andreas‘ Aufenthalt in London als Komiker nach erfolgreichem Abschluss seines Masterkurses an der London School of Economics auch als eine Flucht vor den Eltern im norddeutschen Emden und ihren Erwartungen an den Sohn zu deuten ist. Seine beiden Schwestern sind als Ärztin und Krankenschwester bereits in die Fußstapfen des Vaters und sicherlich anerkannten Arztes getreten.  Andreas hegt keinerlei Karrieregedanken bezüglich seines abgeschlossenen Studiums , außer denen, seinen Durchbruch als Komiker in London zu schaffen, von dem er nun – so sein Manager – nur noch Millimeter entfernt sei. Er verzichtet sogar auf eine Tournee durch Australien, die ihm Erfolg über England hinausgehend in Aussicht gestellt hätte. Allerdings hätte er sich  von nun an  unter die Fittiche einer herrischen und ambitionierten Agentin begeben  müssen.

Es ist fraglich, ob Andreas‘ Gags ausgereicht hätten, ihn außerhalb Englands erfolgreich und berühmt zu machen. Sie basieren auf den üblichen Vorurteilen der Engländer gegenüber Deutschen. Die verlorenen Weltkriege, der Sieg Englands über Deutschland im Fußball liefern den Stoff. Andreas macht sich bereitwillig zum Opfer, lässt sich vom oft stark alkoholisierten Publikum anpflaumen und beleidigen, ohne jedoch seinen kritisch-analytischen Blick auf die englischsprachige Welt und ihre Absurditäten zu verlieren. ‚Funny‘, wenn überhaupt, ist die Möglichkeit, in einem Land wie England als Deutscher abzutauchen, Erfolg zu haben, um die Häuser in Londons angesagten Vergnügungsvierteln zu ziehen und das Leben zu genießen, solange man noch einigermaßen jung ist.

Ich gebe zu, ich hatte anderes erwartet. Doch ich kann Andreas‘ Vorliebe für das Londoner Lebensgefühl nachempfinden. Entlarvend an seinen Gags als „The Funny German“ sind allerdings weniger die Inhalte als das, worüber Engländer in diesen Zeiten immer noch lachen können und lachen wollen. Irgendwann wird das kein Thema mehr sein.

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Ronald Reng, Is It – A Funny German?

Ich kann es kaum glauben, daß Engländer sich immer noch derartig über den bloody Nazi-German lustig machen sollen. Genau darum geht es vordergründig im Roman von Ronald Reng. Da spiegelt der Komiker Andreas Merkel den noch im Adrenalinrausch verhafteten Brokern der Londoner City, die sich abendlich den Gierstress schönsaufen, wie heftig Briten- und Deutschenbild aufeinanderprallen.

Durchaus mit Unbehagen liest man Rengs Roman. Wer mag schon so genau geschildert kriegen, wie andere einen sehen? Wie sie nicht lassen können von alten Vorurteilen und böser Rede. Wie im scheinbar sich rasend wandelndem Europa Feindbilder bestehen bleiben. Reng macht sich auf, in diesem Minenfeld der verbuddelten Gefühle einen innerlich zerrissenen deutschen Alleinunterhalter in Londoner Pubs auftreten zu lassen. Weder hat sich Andreas Merkel ganz assimiliert, selbst nach Jahren nicht, noch weiß er wirklich, was er will. Trotz verläßlicher Freunde ist er nicht im Selbstverständnis der Zugehörigkeit angekommen. Weder zum Land noch zum Beruf, in dem er sich als Exot und Neuling mehr schlecht als recht durchschlägt.

Als ihm in der niederschmetternden Katastrophe seiner schuldlosen Beteiligung am Tode eines 12-jährigen Schülers die Absurdität seiner Komikerlaufbahn so richtig in die Magengrube fährt, steigert sich der Lebenswahnsinn weiter. Sein Freund und Manager nutzt den Vorfall ganz englisch-pragmatisch zur Vermarktung. Typisch deutsch quält sich der moralische Stand-up Comedian mit Skrupeln über seinen steigenden Erfolg beim Publikum.

Auch wenn die Sprache des Romans teils eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen zu kopieren scheint, so mochte ich das Buch. Man wird das Gefühl nicht los, daß sowohl der Protagonist zwischen den Welten steht, wie auch der Autor. Und wie geht’s einem selbst? Weil die Dinge nicht immer so eindeutig und einfach sind, neigt man lieber dem Klaren zu. Es schmerzt, auf solch deutsche Art die innere Zerrissenheit zu spüren zu bekommen. Swinging London im jugendlichen Leichtsinn erlebt, kommt in dem Buch nicht vor. Unaufdringlich und fast weiblich einfühlsam zeigt Reng, daß wahre Lebensfreude trotz und mit dem Schmerz und der Absurdität des Lebens Einzug halten kann. Das macht er gut, eben deutsch, und doch sehr lesenswert.

Ich hätte allerdings ein weniger absurd-blödes Coverbild bevorzugt.

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