Curtis Sittenfeld, American Wife

Der Roman „American Wife“ der jungen amerikanischen Autorin Curtis Sittenfeld ist die mit viel Verve erzählte Lebensgeschichte der Hauptfigur Alice Lindgren, die – und das macht die Story für mich besonders lesenswert – der Figur der Laura Bush aus dem wahren Leben nachempfunden ist.

Ganz ehrlich: Laura Bush hat mich bis dato nicht sonderlich interessiert. George Bushs Herkunft, seine Präsidentschaft und was über sein Leben davor an die Öffentlichkeit gelang, haben ihn mir nicht gerade sympathisch gemacht. Zwangsläufig färbte sein Ruf auf das Ansehen seiner Frau und Familie ab. Oder nicht? Ich hatte mich schon häufiger gefragt, wie man es als Frau an seiner Seite wohl aushält. Nun habe ich darauf eine Antwort bekommen. Eine, die ich nicht erwartet habe.

Ich bin nicht enttäuscht worden. Als junges Mädchen, als Frau und später Ehefrau von Charles Blackwell, alias George Bush – immer überzeugt und beeindruckt Alice Lindgren bzw. Alice Blackwell mich, denn sie ist einfühlsam, zielstrebig, kritisch und überaus lebenstüchtig. Dennoch gerät sie in merkwürdige, lebensentscheidende, teilweise sogar tragische Situationen, in denen sie mein ganzes Mitgefühl hat. Ich bewundere sie für ihre Unneigennützigkeit und ihren praktischen Lebenssinn. Ihr wie dem Leser kommen Bedenken, als sie Charles Blackwell und später seine Familie kennen lernt. Sie passt sich nicht ohne Schwierigkeiten und erst allmählich an diese Welt der Reichen und ihre Rituale in der Großfamilie im schon reichlich heruntergekommenen Wochenenddomizil an. Unter der Woche sind die Aktivitäten der Frauen nicht weniger ritualisiert mit den Besuchen im Country Club, der Betreuung der Kinder und der Organisation von Familienzusammenkünften oder offiziellen Terminen. Der Clan und der unbedingte Zusammenhalt, die Loyalität allen Mitgliedern gegenüber, sind wichtiger als alles andere. Der enorme Luxus der teuren Country Clubs mit ihren eleganten Swinmmingpools, die dort mehr oder weniger untätig verbrachte Zeit mit ihren Schwägerinnen und den Kindern und das überwiegend belanglose Gechwätz über Nichtigkeiten des Alltags bereiten Alice gelegentlich ein schlechtes Gewissen. Sie bezweifelt die Angemessenheit eines derartigen, für selbstverständlich erachteten Wohlstands angesichts der Bedürftigkeit so vieler Menschen, und besonders derjenigen, die ihrer Ansicht nach etwas Besseres verdient haben, beispielsweise die begabte Enkelin der schwarzen Haushälterin ihrer Schwiegereltern, für deren Förderung sie sich vehement und nachhaltig einsetzt. Sie will sich nützlich machen und kein verwöhntes Anhängsel ihres Mannes sein, das allem und jedem zustimmt, um nicht in Ungnade bei ihm zu fallen.

Mehr als einmal fragt sie sich, ob ihre Entscheidung, Charles zu heiraten, richtig war. In einer kritischen Phase ihres Lebens, nämlich als er zum Alkoholiker zu werden droht, verlässt sie ihn mit der gemeinsamen Tochter und zieht für eine gewisse Zeit zu ihrer Mutter. Er ändert daraufhin seine Lebensweise radikal, denn ohne sie ist er verloren, ein Nichts. Sie kehrt zu ihm zurück, jedoch seine Schwächen und Defizite sind unübersehbar. Als Präsident der Vereinigten Staaten werden sie mehr als deutlich, denn Politik ist ein Geschäft, das ihn im Gegensatz zu Macht nicht interessiert und das er nicht versteht. Nur über Baseball kann er kompetent reden.

Diese Gedanken und Einsichten von Alice bilden den Anfang und das Ende des Romans, eine weitere kritische Lebensphase des Ehepaares. Alice trifft eine Entscheidung, wie schon so oft in ihrer Beziehung zu Charles: Sie mag seinen unwiderstehlichen Humor, den Sex mit ihm, den sie noch immer für den attraktivsten Mann hält; sie kann sich keinen anderen Partner an ihrer Seite vorstellen. Als Ehemann und Vater ist er ideal. Als Politiker und Präsidenten sieht sie ihren Mann kritisch wie eh und je. Eine geradezu schizophrene Situation. Man stelle sich die von ihr beschriebene morgendliche Szene im Schlafzimmer des amerikanischen Präsidentenpaars einmal plastisch vor: Während er aufsteht und duschen geht, liest sie  – noch im Bett liegend – die einschlägigen Tageszeitungen und vor allem die Artikel über den Präsidenten, über deren Inhalt und Tenor sie ihm Bericht erstattet. Und jeden Morgen ist sie wieder entzückt, mit welcher Sicherheit er das richtige Hemd zum richtigen Anzug mit absolut passender und ihn wunderbar kleidender Krawatte er auswählt. Schon allein deswegen liebt sie ihn. Sie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, ist dem Schönen durchaus erlegen. Nur passen diese Gedanken und Empfindungen so ganz und gar nicht zu den knallharten politischen Entscheidungen, für die George Bush steht und verantwortlich zeichnet. Ganz bewusst gibt Alice die Verantwortung an die Wähler zurück: Nicht sie hat gewollt, dass er Präsident wird, sondern die anderen haben ihn dazu gemacht. Sie selbst hat diese Position für ihn und sich nie angestrebt.

Zu einem relativ späten Zeitpunkt in ihrem Leben gesteht sie sich ein, dass ein Leben an der Seite ihrer ersten, einzigen und großen Liebe – Andrew Imhof – unter Umständen vielleicht doch zu eintönig und langweilig verlaufen wäre. Nie hätte sie so viel Spaß und Abwechslung gehabt wie an der Seite von Charles Blackwell. Diese Bilanz wiegt letzlich auch seine negativen Seiten auf. Diese plötzlich veränderte Sicht auf die Dinge irritiert den Leser zunächst. Aber auch dafür gibt es eine plausible Erklärung. Alice ist verantwortlich für den Tod des jungen Mannes, dem sie auf dem Weg zu einer Party, die sie besuchen wollten, aus Unachtsamkeit die Vorfahrt genommen hat. Sie hat den einzigen Mann, den sie je zu lieben glaubte, mit 17 Jahren getötet. Auch sie ist also nicht frei von Schuld und kann sich moralisch nur bedingt über ihren Ehemann erheben.

„American Wife“ ist mehr als ein Titel; es ist ein Programm, ein Projekt. Curtis Sittenfeld ist es gelungen, sehr unterschiedliche Frauentypen zu zeichnen, angefangen mit der stillen, zurückhaltenden Mutter von Alice, die dennoch genau weiß, was gut für sie und die Familie ist, über ihre vielseitig interessierte, sehr belesene und außergewöhnlich selbstbewusste Großmutter mit ihrer lesbischen Freundin, einer Gynäkologin, bis hin zu ihrer anmaßend direkten und unverblümten Schwiegermutter, die mehr Achtung vor Alice als ihrem eigenen Sohn zu haben scheint. Nicht zu vergessen ihre Freundin aus Kindertagen, Dena, deren Machenschaften den Lebensweg von Alice nicht unwesentlich beeinflussen. Männer kommen insgesamt in diesem Roman nicht so gut weg. Doch wenn sie ihn lesen, können sie eine Menge über sich und Frauen lernen.

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Mittelschicht-Kälber wählen sich ihre schwarz-gelben Schlächter selber

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Heute – am 8.6.2010 – hat der Wähler die ganz besondere Gelegenheit, in nahezu jeder Zeitung oder Webseite nachzulesen, wie die CDU-FDP Regierungskoalition ihn gnadenlos über den Tisch zieht. Aus jeder Ecke wird die Regierung für ihre Sparpläne  zu Lasten der sozial Schwachen kritisiert. Wird sich darum etwas ändern an der Urne? Ich glaube es nicht. Obwohl sich grad der Widerstand formiert, Opposition, Gewerkschaften und Sozialverbände Proteste gegen das schwarz-gelbe Sparpaket organisieren und es sogar aus der Wirtschaft und den eigenen Reihen Unmut gibt, ich schätze, schon nach wenigen Tagen oder Wochen wird sich der Selbstbetrug der Mittelschicht gleichmütig fortsetzen. Ob Frau Käßmann oder die Gewerkschaften es schaffen werden, die „Straße“ zu mobilisieren, bezweifle ich stark.

Egal ob Hoteliers ihre Milliarde kriegen oder Hartz4-Empfängern das Elterngeld gestrichen wird, die Mittelschicht bleibt bei ihrer Identifikation mit der sogenannten Elite. Trotz der seit Jahrzehnten sinkenden Reallöhne und stetig steigenden Massenarbeitslosigkeit ordnet sich der Bundesbürger weit mehrheitlich dem wohlhabenden Bürgertum zu. In Ulrike Herrmanns Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“schildert die Autorin die absurden politischen Folgen der hysterischen Sorge der Menschen, zur Unterschicht gezählt zu werden.

Regelrechte Verachtung wird den sozial Benachteiligten entgegengebracht, je stärker der eigene soziale Status bedroht ist. Frau Herrmann belegt, daß die Grundstimmung, Arme des Sozialschmarotzertums zu bezichtigen, mittlerweile zur Regierungspolitik avanciert ist. „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer ermittelte 2009, 47 Prozent der Bevölkerung meinten, daß Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent gaben an, daß sich Hartz4-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“. Auf solch eine breite Basis gestützt, ist es für Schwarz-Gelb  risikolos, das Volk durch Sozialabbau bluten zu lassen, kräftig bei den Ärmsten des Landes zu sparen und die Reichen zu verschonen.

Durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen  – Ulrike  Herrmann belegt es – wird die Fiktion aufrechterhalten, es gäbe eine Ausbeutung der Mittelschicht durch die Armen. Die Mittelschicht solle glauben, daß der Staat nur noch die Armen fördere, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen nur die Wohlhabenden wirklich profitierten. Die tabuisierte, permanente Umverteilung von unten nach oben werde sorgsam kaschiert, damit zB die eigentliche Ausplünderung zugunsten der Vermögen der Eliten und der Banken durch die „Rettungspakete“ als systemisch notwendig akzeptiert würden.

Die TAZ-Journalistin Ulrike Herrmann schreibt nicht wissenschaftlich analytisch, sondern mit legitimen, zugespitzten Vereinfachungen. Mag sie auch  pauschalierend Arme, Eliten und Mittelschicht nicht genau abgrenzen. Auch die Mittelschicht unterteilt sich letztlich in eine Reihe von Interessensgruppen mit stark gegensätzlichen Zielen.

Ihre Argumente sind dennoch schlüssig.  Die ausführliche Bibliographie  erlaubt es, unkompliziert in die Thematik einzusteigen, wenn man denn wollte. Es ist auf schockierende Weise bei Ulrike Herrmann zu erfahren, wie der Bundesbürger so tickt. Sie zeigt uns den Selbstbetrug eines Volkes, das meint, es würde „dazu gehören“, nur weil es sich vielleicht gerade einen BMW und Co. auf Leasing oder irgendwelche teuren Markenklamotten leisten kann. Es erkennt nicht, daß es nicht die bessergestellte Minderheit bildet, sondern die breite, betrogene Masse.

Podcast: Ellinor Krogmann im Gespräch mit der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann über den Selbstbetrug der Mittelschicht. SWR2 Impuls vom 3.05.2010

Wer ganz schnell die wahre Vermögensverteilung geschildert haben möchte, möge doch Georg Schramm einen Augenblick zuhören. Die Zahlen von Ulrike Herrmann haben nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Schramms Daten stammen von 2007 und früher.

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Rose Tremain, Trespass

If I hadn’t been given „The Road Home“ as a Christmas present by an English friend, I wonder when I would have discovered Rose Tremain as the highly gifted writer that she is.

Meanwhile, I have read „Sacred Country“, „Music and Silence“, „The Colour“, and her latest novel „Trespass“. It is amazing how she is

Vallée du Galeizon Cévenne

Filou30 Vallée du Galeizon Cévenne CC

able to evoke the spirit of times and ages in creating her complex works. Her characters are endowed with convincing lives and thoughts. It seems to be no problem to her to write from any point of view imaginable, no matter what age, gender, or nationality. She shows deep insight into people’s motives for their decisions and deeds. In their pursuit of happiness her characters often leave their home countries, families, and friends – sometimes for good – and involuntarily become outsiders in their new surroundings though trying hard to accommodate themselves. Since human nature is corrupt, a lot of violation takes place in the long history of countries and families. Lands, homes, bodies, minds, relationships are treated with disrespect and made to suffer or decline into chaos. For all these ‚trespasses‘ there is hardly ever any true redemption.

„Trespass“ is set in the unforgiving dramatic landscape of the Cévennes in southern France, which the author herself is quite familiar with.

At the beginning of the story, ten-year-old Mélodie wanders away from her school party having a picnic during a school outing. She is new in her class and bullied by her classmates for her different accent and behaviour. Because of her father’s career the family has just moved from Paris to this wild region of the country, which Mélodie cannot cope with at all. Strolling through a wood she discovers something and starts screaming. However, not until the end of the novel does the reader get to know what has happened.

The once-renowned London antique dealer Anthony Verey, a snobbish man of sixty something, is failing to make money in his forbiddingly elegant shop in Chelsea. He decides to escape to his sister Veronica, a garden designer, who lives in southern France with her lover Kitty, an amateur watercolourist, whom Anthony despises. Anthony’s arrival brings disruption to the lovers‘ idyll. To Veronica, who has always taken care of her younger brother because their pleasure-seeking mother never had any time for her children, this is no problem. She loves her brother and wants to help him find a house in the area, whereas Kitty’s jealousy and hatred of Anthony become insurmountable.  She leaves shortly after Anthony is missed and keeps missing.

At the heart of the story, however, are a French brother and half-sister, Aramon and Audrun Lunel, both born after the Second World War and now in their late middle age. Aramon, a decrepit alcoholic, hopes to sell the majestic but subsiding old family stone house, the Mas Lunel, to wealthy foreigners. Anthony Verey, the first of the potential buyers, feels deterred by the fact that Audrun’s squalid modern bungalow has been built on the borderline that separates her territory from her brother’s. This private dispute between brother and sister has to be settled first before the local agents are able to sell the house.  Worldwide the recession deepens, and the local mayor declares that „displacement of local people by foreigners must end“ in the newspaper.

Audrun tries to prevent her brother from selling the house that she feels she has a right to. After their adored mother had died, Aramon was encouraged by his own father to join him in abusing Audrun, who is not his own daughter. ‚Trespass‘ – in the sense of wrong-doing – has poisoned the atmosphere between brother and sister and in Mas Lunel ever since. Aramon himself cannot come to terms with what he has done to Audrun. He neglects the stately house and the hunting dogs and often has to bid his sister to help him find or remember things. Though she takes care of him, she thinks about ways of getting rid of him so that he will not be able to sell the house and the land. Of all the novel’s characters she is the one with the most respect for her environment.

Mélodie’s piercing scream , which has been echoing through the novel, is explained when finally Anthony’s body is found in a river behind Mas Lunel. His car is found hidden in a shed, and Aramon is accused of murder. Although he cannot remember anything and thinks his mind keeps deteriorating, he admits everything and is sent to prison, where after a very long time Ausdrun visits him. He tells her he feels sorry for what had happened in the past. Not long after he had left Mas Lunel, it was destroyed by a fire that almost killed Audrun. It could be rebuilt with the insurance money, however, Audrun decides to have it demolished altogether so that, in the end, nothing is left of it.

Being on her own now, Veronica decides to return to England. ‚… Because if you left your own country, if you left it late, and made your home in someone else’s country, there was always a feeling that you were breaking an invisible law, always the irrational fear that, one day, some ‚rightful owner‘ would arrive to take it all away, and you would be driven out – back to London or Hampshire or Norfolk, to whatever place you could legitimately lay claim.‘

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Rose Tremain, Trespass

Hätte eine englische Freundin mir zu Weihnachten nicht „The Road Home“ von Rose Tremain geschenkt, ich wäre vermutlich heute noch nicht auf diese ideenreiche, fantasievolle, einfühlsame und in jeder Hinsicht brilliante Autorin gestoßen.

Ich lese sie im Original und muss mich daher nicht auf mehr oder weniger gelungene Übersetzungen verlassen, um immer wieder ihre Genialität zu entdecken. Ich finde es wunderbar, wie sie sich in ihre weiblichen und männlichen Charaktere jeden Alters hineinversetzen kann, wie sie das Kolorit und Lebensgefühl einer Epoche erfassen und dem Leser vermitteln kann.  Sie gibt ihren Heldinnen und Helden  ein absolut überzeugendes Leben. Sie spielt mit der Historie, mit historischen Figuren, ihren Stärken und Schwächen, lässt den Leser tiefe Einblicke gewinnen in deren mitunter erschreckend begrenzte Lebensumstände –  zeitlich weit zurückliegende wie auch gegenwärtige.

Immer habe ich das Gefühl, etwas bei dieser Autorin zu lernen, meinen eigenen beschränkten Lebenshorizont zu erweitern in meiner Sichtweise auf Dinge und Menschen, nachdem ich gelesen und miterlebt habe, was Rose Tremain ihren Charakteren zumutet und wie diese sich jeweils mit ihrem Schicksal arrangieren. Ich fühle mich wie ein geläuterter Mensch nach der Lektüre ihrer Romane.

„Trespass“, ihr neuester Roman, kann in seiner Thematik stellvertretend stehen für viele ihrer Werke, von denen ich  neben „The Road Home“ bisher „Sacred Country“, „Music and Silence“ und „The Colour“ gelesen habe. Immer geht es um die Art und Weise, wie wir uns an anderen versündigen, ihr Leben beeinflussen oder zerstören, so dass sie sich nie mehr davon erholen. Die Einsicht kommt spät oder nie. Manche Dinge lassen sich zurechtrücken; in der Regel gibt es jedoch keine Wiedergutmachung; eine ausgleichende Gerechtigkeit vielleicht, aber keine Generalabsolution. Manche Charaktere entwickeln sich weiter, können sogar ihr Lebensglück finden, andere verharren lebenslang auf ihrem Standpunkt, sind sich keiner Schuld bewusst. Für manche gibt es keine Zukunft, für andere ist sie nur unter veränderten Bedingungen möglich. Manchmal ist auch Überraschung im Spiel, aber in den Schoß fällt niemandem etwas.

Oft erinnert mich Rose Tremain an die große amerikanische Meisterin ihres Fachs, Joyce Carol Oates. Und im Falle von „Trespass“ an deren Roman „We Were the Mulvaneys“. Das ist große Literatur. Auf die eine oder andere Art und Weise hat sie immer mit unseren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen zu tun. Diese Romane bewirken etwas in uns, und sei es nur, dass sie uns demütiger und verständiger gegenüber unserem eigenen Leben und seinen Unzulänglichkeiten machen.

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Ronald Reng, The Funny German

„The Funny German“, ‚Der lustige Deutsche‘? Das gibt es doch gar nicht, denke ich, als ich den Titel lese. Ein lieber Freund hat mir das Buch geschenkt, u.a., weil es in London spielt, und er kennt meine Vorliebe für England, die Engländer und London.

Der Autor, Ronald Reng, ist trotz des englisch anmutenden Vornamens Deutscher, hat von 1996 bis 2001 selbst in London gelebt. ‚Der lustige Deutsche‘! Erinnert mich plötzlich an ein Gericht, das ich als Studentin oft beim Jugoslawen bestellt habe: Der lustige Bosniak! Klingt irgendwie nach Volksmusik und aufgesetzter Heiterkeit. Mit solchen, wenn mir auch nur unterschwellig bewussten Gefühlen beginne ich den Roman zu lesen, in der Erwartung, dass es jetzt gleich mächtig lustig zugehen müsste im schönen London. Stattdessen erfährt man von der Nervosität des deutschen Komikers Andreas Merkel – Angela Merkel: Was hat der Autor sich bei dieser Namensgebung gedacht? – vor seinem abendlichen Auftritt in einem Pub; von seinen Lockerungsübungen der Kiefermuskulatur mit einem Korken. Viel zu früh hat er sich auf den Weg gemacht im Auto seines Freundes und Managers Jim Merton. Er wirkt übermäßig angespannt, behauptet, vor Auftritten nie Alkohol zu trinken, um sich dann in einem Pub einen Kaffee mit Rum zu bestellen, womit sowohl auf den selbstgerechten Heuchler als auch das gleichnamige Getränk, nämlich den Pharisäer, angespielt werden soll. So zumindest kommt mir diese Textstelle vor. Er versucht sich damit von einer ausgesprochen peinlichen und unangenehmen Situation mit einem Schwarzen in einem Supermarkt zu erholen, den er noch kurzfristig aufgesucht hat und eiligst verlässt, um nicht in eine handgreifliche Auseinandersetzung und mehr verwickelt zu werden. Die Provokation allerdings ging von ihm selbst aus. Man spürt gleich, dass man es bei der Hauptfigur mit einem etwas schwierigen Zeitgenossen zu tun hat, der das Talent besitzt, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das man ihm hinstellt; ein Mensch, der die Dinge nicht so im Griff zu haben scheint, wie er uns manchmal glauben machen will. Wenn Komiker, denke ich, dann mit den ‚Tears Of A Clown‘, einem meiner Lieblingssongs längst vergangener Zeiten.

Und es soll noch schlimmer kommen: Einer spontanen Regung folgend, macht er sich noch kurz vor Beginn seines Auftritts auf den Weg zu seiner Lieblingspatisserie in einer Nebenstraße, um ein Croissant zu erstehen. Dort jedoch kommt er nie an. Wie aus dem Nichts kommend taucht links von ihm plötzlich ein Radfahrer aus der Dunkelheit vor seiner Windschutzscheibe auf. Er ist nicht zu schnell gefahren, kann aber auch nicht mehr bremsen und überfährt den zwölfjährigen Jungen, der sofort tot ist. Wegen der vollaufgedrehten Musik im Auto hat Merkel ihn weder kommen hören, noch war er gefasst darauf. Das Bild wird er nun nicht mehr los. Vorbei ist es nun mit seinem Lachen und seiner Lustigkeit. Man klagt ihn nicht an, man verurteilt ihn nicht, doch damit kann sich niemand trösten, der einen Menschen – unter welchen Umständen auch immer – getötet hat. Paradoxerweise  nimmt sowohl der Bekanntheitsgrad als auch der Erfolg von Andreas Merkel, „The Funny German“, genau wegen dieses Unfalls zu, über den nach und nach auch in den Medien berichtet wird. Sogar die Mutter des getöteten Jungen sucht den Kontakt zu ihm – nicht, um ihn anzuklagen, sondern um mit ihrem Schmerz über den unbegreiflichen Verlust besser zurechtzukommen. Später stellt sich heraus, dass Freunde des Jungen die Bremsen an seinem Fahrrad manipuliert hatten, so dass er gar nicht hat reagieren können. Tragisch die ganze Situation, auch oder gerade wegen der Unvermeidlichkeit der Katastrophe.

In dieser Zeit lernt Merkel die junge Studentin Orla kennen, mit der er sich erstmalig eine feste Beziehung vorstellen kann. Im Verlauf des Romans wird dem Leser deutlich, dass Andreas‘ Aufenthalt in London als Komiker nach erfolgreichem Abschluss seines Masterkurses an der London School of Economics auch als eine Flucht vor den Eltern im norddeutschen Emden und ihren Erwartungen an den Sohn zu deuten ist. Seine beiden Schwestern sind als Ärztin und Krankenschwester bereits in die Fußstapfen des Vaters und sicherlich anerkannten Arztes getreten.  Andreas hegt keinerlei Karrieregedanken bezüglich seines abgeschlossenen Studiums , außer denen, seinen Durchbruch als Komiker in London zu schaffen, von dem er nun – so sein Manager – nur noch Millimeter entfernt sei. Er verzichtet sogar auf eine Tournee durch Australien, die ihm Erfolg über England hinausgehend in Aussicht gestellt hätte. Allerdings hätte er sich  von nun an  unter die Fittiche einer herrischen und ambitionierten Agentin begeben  müssen.

Es ist fraglich, ob Andreas‘ Gags ausgereicht hätten, ihn außerhalb Englands erfolgreich und berühmt zu machen. Sie basieren auf den üblichen Vorurteilen der Engländer gegenüber Deutschen. Die verlorenen Weltkriege, der Sieg Englands über Deutschland im Fußball liefern den Stoff. Andreas macht sich bereitwillig zum Opfer, lässt sich vom oft stark alkoholisierten Publikum anpflaumen und beleidigen, ohne jedoch seinen kritisch-analytischen Blick auf die englischsprachige Welt und ihre Absurditäten zu verlieren. ‚Funny‘, wenn überhaupt, ist die Möglichkeit, in einem Land wie England als Deutscher abzutauchen, Erfolg zu haben, um die Häuser in Londons angesagten Vergnügungsvierteln zu ziehen und das Leben zu genießen, solange man noch einigermaßen jung ist.

Ich gebe zu, ich hatte anderes erwartet. Doch ich kann Andreas‘ Vorliebe für das Londoner Lebensgefühl nachempfinden. Entlarvend an seinen Gags als „The Funny German“ sind allerdings weniger die Inhalte als das, worüber Engländer in diesen Zeiten immer noch lachen können und lachen wollen. Irgendwann wird das kein Thema mehr sein.

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Ronald Reng, Is It – A Funny German?

Ich kann es kaum glauben, daß Engländer sich immer noch derartig über den bloody Nazi-German lustig machen sollen. Genau darum geht es vordergründig im Roman von Ronald Reng. Da spiegelt der Komiker Andreas Merkel den noch im Adrenalinrausch verhafteten Brokern der Londoner City, die sich abendlich den Gierstress schönsaufen, wie heftig Briten- und Deutschenbild aufeinanderprallen.

Durchaus mit Unbehagen liest man Rengs Roman. Wer mag schon so genau geschildert kriegen, wie andere einen sehen? Wie sie nicht lassen können von alten Vorurteilen und böser Rede. Wie im scheinbar sich rasend wandelndem Europa Feindbilder bestehen bleiben. Reng macht sich auf, in diesem Minenfeld der verbuddelten Gefühle einen innerlich zerrissenen deutschen Alleinunterhalter in Londoner Pubs auftreten zu lassen. Weder hat sich Andreas Merkel ganz assimiliert, selbst nach Jahren nicht, noch weiß er wirklich, was er will. Trotz verläßlicher Freunde ist er nicht im Selbstverständnis der Zugehörigkeit angekommen. Weder zum Land noch zum Beruf, in dem er sich als Exot und Neuling mehr schlecht als recht durchschlägt.

Als ihm in der niederschmetternden Katastrophe seiner schuldlosen Beteiligung am Tode eines 12-jährigen Schülers die Absurdität seiner Komikerlaufbahn so richtig in die Magengrube fährt, steigert sich der Lebenswahnsinn weiter. Sein Freund und Manager nutzt den Vorfall ganz englisch-pragmatisch zur Vermarktung. Typisch deutsch quält sich der moralische Stand-up Comedian mit Skrupeln über seinen steigenden Erfolg beim Publikum.

Auch wenn die Sprache des Romans teils eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen zu kopieren scheint, so mochte ich das Buch. Man wird das Gefühl nicht los, daß sowohl der Protagonist zwischen den Welten steht, wie auch der Autor. Und wie geht’s einem selbst? Weil die Dinge nicht immer so eindeutig und einfach sind, neigt man lieber dem Klaren zu. Es schmerzt, auf solch deutsche Art die innere Zerrissenheit zu spüren zu bekommen. Swinging London im jugendlichen Leichtsinn erlebt, kommt in dem Buch nicht vor. Unaufdringlich und fast weiblich einfühlsam zeigt Reng, daß wahre Lebensfreude trotz und mit dem Schmerz und der Absurdität des Lebens Einzug halten kann. Das macht er gut, eben deutsch, und doch sehr lesenswert.

Ich hätte allerdings ein weniger absurd-blödes Coverbild bevorzugt.

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Über die Buchkritik – Buch- und Filmempfehlungen geben

Jeder ist heute berufen. Jeder rezensiert Bücher. Ach was, Bücher! Filme, Geräte, Hotels… einfach alles wird im Web beurteilt.

Wer ein Buch kauft, hat sich heute zuvor im Internet versichert, eine gute Wahl zu treffen. Nicht nur bei Sachbüchern, sondern auch bei Romanen möchte man seine Zeit nicht an hochgehyptem Schund vergeuden und billigem Gefühl aufsitzen. Wir haben uns daran gewöhnt, daß Jedermann sich zum Experten macht, uns seine Sicht anbietet, und wir sind froh darum. Nahezu für jedes Buch, jeden Film kann eine Rezension gefunden werden. Die selbsternannten Experten geben sich viel Mühe und sind in der Regel ganz authentisch. Das macht die Kritiken so gut wie schlecht.  Aber als Medienverbraucher haben wir es mittlerweile gelernt, platte Meinungen im Spiegel der fundierten Kritik zu werten. Gerade schlechten Kritiken – ob lobend oder aburteilend – machen mißtrauisch und lassen schnell erkennen, welchem Reißer wir unsere kostbare Zeit für billigen Gefühlskitsch opfern sollen.

Wo einst der studierte Film- und Literaturkritiker eine magere Vorauswahl traf, demokratisierte das Web die Erlaubnis, Kritik zu üben und vor allem zu verbreiten. Bei der immer höher ansteigenden Flut an Medienverbrauchsgütern ist es ein Segen, als geübter Infosucher schnell eine Medienkritik einholen zu können. Es ist kaum vorstellbar, daß diese Freiheit, Bewertungen sofort und ungefiltert abfordern und Kritiken unzensiert abgeben zu können, uns je wieder genommen werden könnte.

Wer als kritisch betrachtet wird, gerät schnell in den Verdacht, negativ, hart oder gar als gemein zu gelten. Urteile über das Werk anderer abzugeben, ist jedoch nicht darauf bedacht, Fehler zu finden. Im Griechischen bedeutet „kritikos“, „fähig sein zu unterscheiden“. Mit den Augen zu sehen vermögen, mit dem Verstand zu differenzieren. Und mit dem Herzen mitzufühlen, möchte ich anfügen.

Der Kritiker von Film und Literatur schaut und liest, weil er selber auf der Suche ist. Weil er Schönheit, Menschlichkeit, Lebendigkeit und Spannung sucht. Und Wahrhaftigkeit der Gefühle und Informationen. Und er möchte darüber berichten, seine Leser wiederum begeistern für die Empfindungen beim Lesen, die ihn überhaupt zum Schreiben brachten und Lektüre oder Filmschau nicht gleich abbrechen ließen. Er „scheidet“, was ihm schlecht geschrieben – also flach empfunden und ohne Tiefe verfasst – vom Lebendigen. Der Rezensent ist nicht nur mit dem Autor kritisch, er verlangt es auch dem Leser ab, sich einer neuen Welt zu öffnen, Dimensionen zu erkennen, die vom Gewohnten abweichen.

Wenn der Kritiker das Werk empfiehlt, wird er nicht erklären. Er wird den Leser und Betrachter in die vom Autor geschaffene Welt mitzunehmen versuchen. Hoffen, daß dem die Augen ganz von allein aufgehen. Ein Leseabenteuer lohnenswert beschreiben, aber die Entdeckerfreude lassen. Und wenn er gut ist, wird er dabei mehr offenbaren als seine Eitelkeit. Er wird versuchen integer zu bleiben; vor sich, dem Autor,  den Lesern und Zuschauern.

Dann wird die Empfehlung wirken. Dann führt die aufgebrachte Zeit zu mehr als Zeittotschlag und Realitätsflucht. Dann entfaltet sich – bei allem Spaß an der Zerstreuung, die wir so gerne suchen – die neue Weltsicht mit dem empfohlenen Gedankenspiel.


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