Schreiben fürs Internet

Träumen ist Pflicht

Träumen ist Pflicht

Écrire, c’est se cacher derrière les mots tout á se mettant á nu.” (Schreiben ist sich Verstecken hinter Worten, um sich dabei zu entblößen.)

Lesen wir nicht in der Hoffnung, etwas offenbart zu bekommen? Wenn der Autor nicht bereit ist, kann der Leser noch so schürfen, findet nur Plattheiten und Kitsch. Der Autor muß von der Entblößung wissen, Gespaltenheit auch schmerzhaft annehmen und Zweifel lassen. Auch den, den er dem Leser zumutet.

When you write well, you’ll know it. You’ll feel more naked than if you walked nude down Fifth Avenue in New York City.”  Dr. Abraham Rothberg.“ Be prepared for the sting. You can’t dance naked without running into some hornets.“  (Wenn Du gut schreibst, weißt Du es. Du fühlst Dich nackter, als wenn Du in New York ganz nackend die Fith Avenue entlang gehen würdest. Sei auf den Stich gefasst. Du kannst nicht nackend tanzen, ohne Hornissen zu begegnen)

Mein Tagebuch versteht mich, wenn ich mich grün fühlend rot nenne. Wenn ich grün fühle, mich aber im öffentlichen Text wahn-sinnig rot beschreibe, dann kenne ich mich nicht. Dem Leser wurde Offenbarung heimlich zugesagt und doch nicht zugestanden. Weil man im tiefsten Grunde seines Herzens doch nur Verstecken spielen will? Nur die Eitelkeit bedienen? Wäre ja im Web kein Wunder. Wäre aber ein Verstoß gegen das Sinngebot des ersten Zitats.

Es ist die Krux des Wunsches, Empfindungen mit Worten zu vermitteln. Worte zerlegen, sind ein-dimensional und trennend. Bilder sind durch Worte nicht zu fassen, sie lassen auch mehr Raum, trotz ihrer Promptheit. Ich akzeptiere mein Gefühl zu einem Bild sofort. Ich akzeptiere, daß mein Gefühl mir unerklärlich ist. Text jedoch, meine ich, analysieren zu können, er läßt mir Zeit zu überlegen. Er löst die Ganzheit auf und zerlegt Gefühl in scheinbar verdaubare Portionen. Nutze ich Text jedoch wie Bilder, bleibe ich vage und allzu sehr gefühlsverloren, gebe ich Worthülsen mehr Raum als ihnen zusteht.

Sprache gibt vor allem vor, Kontrolle zu behalten. Sie verführt, am Wort zu kleben, um der Verlorenheit in der Empfindung zu entgehen. Aber es sind grad nicht nur Worte, die mich in Webseiten oder in Blogs so gern stöbern lassen. Das, was mich zu mehr Wandlung anregt, suche ich.

Dem Schreiben kann, ja, Eitelkeit nicht abgesprochen werden. Warum also veröffentlichen? Wirklich nur aus Eitelkeit? Wohl kaum.

Wenn Selbstentblößung unvermeidlich bleibt, wird Träumen Pflicht. Verstandesschichten offenbaren nicht genug. Erkenntnis ist nicht linear zu haben. Worte müssen sich ergeben dürfen, wenn das Selbst überrascht sein soll.

Vielleicht liegt darin grad der Spaß, das Ich nun schreibgewandelt neu zu präsentieren. Was vor dem Schreiben nicht erkennbar war, auf einmal freudig teilen wollen, dem unvergessenen Kind wieder das Spielen zu gestatten.

Wie wohl ist dem, der dann und wann Sich etwas Schönes dichten kann! (…) Der Dichter, dem sein Fabrikat So viel Genuß bereitet hat, Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn, Auch andern damit wohlzutun,…“ (Wilhelm Busch)

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