Feel-Bad Education: Essays on Children and Schooling by Alfie Kohn

feel-bad education

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Der Titel „Feel-Bad Education“ von Alfie Kohn und das Titelfoto des gequält dreinschauenden Jungen auf dem Einband des Buches wirken für einen Profi beunruhigend .

So möchte ich als Lehrerin nicht gesehen werden. Man denkt doch, dass man in diesem Beruf etwas Sinnvolles leistet. Bildung zu vermitteln, sehe ich als Zuwendung zum Menschen. Und nicht als Frust-Dienst für mich und meine Schüler.

Woran die Vermittlung schon lange krankt, ist das zunehmende Desinteresse der Schüler am Lehrstoff. Das betrifft in meinem Fall Literatur genauso wie den Grammatikunterricht, im Deutschen wie im Englischen. Schüler scheinen es nicht so wichtig zu nehmen, ob sie sich fundamentales Wissen aneignen oder wie gut sie etwas beherrschen. Es ist kaum Bemühen zu erkennen, wenig Lust und Neugier. Intensive Vorbereitungen eines Projektthemas mit Kollegen ändern wenig, die Schüler und Schülerinnen springen darauf nicht an, und man selbst ist maßlos enttäuscht.

Neue Curricula, Methoden und Schulreformen der letzten Jahren haben daran nichts ändern können; ebenso wenig verbessert an der Lehr- und Lernsituation haben minutiös ausformulierte Erwartungshorizonte oder detailliert aufgelistete Kernkompetenzen.

Liegt es an der Ausrichtung all dieser Maßnahmen? Die neuen Methoden zielen im Wesentlichen auf Steigerung des Inputs. Mehr Wissen, mehr Fakten sollen in immer kürzerer Zeit an die Lernenden mit ausgeklügelten Techniken herangebracht und mit justiziablen Leistungstests auf Effizienz überprüft werden.

Neue Schulformen sind mehrheitlich auf den Lehrstoff und weniger auf die einzelnen Schüler hin orientiert. Hier setzt Alfie Kohns Kritik an. Lernen und Bildung sind mehr als ein Input-Output-Verhältnis, ein Denken, dass sich im Bildungswesen leider zunehmend breitmacht. Es funktioniert nicht, mehr anzubieten und zu fordern, also den Wissensumfang zu erhöhen, um dann in Leistungstests mehr herausholen zu können.

Leider ist es das, was wir Lehrerinnen und Lehrer heute gezwungen sind zu tun: Wir bereiten Schüler und Schülerinnen auf Leistungstests vor wie Rennstallbesitzer ihre Pferde auf Rennen. Wir befinden uns in einem Wettkampf; wir schreiben jahrgangsbezogene Vergleichsarbeiten, und wir erzeugen ganz viel Frustration auf beiden Seiten, und wenn unsere Klasse in der jeweiligen Vergleichsarbeit schlecht abschneidet, fällt das auch auf uns zurück. Schnell wird das schlechte Leistungsniveau und der fehlende Leistungswille als Entschuldigung angeführt.

Alfie Kohn zeigt auf, dass unser Blick zu wenig auf den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin und den Sinn und Zweck von Lerninhalten gerichtet ist. Heute bedeutet dies, im Widerspruch zu den Vorgaben des Schulamtes zu stehen. Schüler wie Lehrer werden von Amts wegen als berechenbare Größen betrachtet, die politische Normen erfüllen sollen. Jeder soll Bildung erfahren, niemand zurückgelassen und die Forderungen der Wirtschaft an die Qualifikation des Nachwuches sollen erfüllt werden.

Kohns Forderungen nach wesentlich mehr individueller Betreuung würden sowohl das Lerntempo verringern als auch Lerninhalte modifizieren. Wir würden aus dem Lehr- und Lernrhythmus bezüglich der zu schreibenden Leistungstests herausfallen. Wir dürften uns wieder mehr dem Menschen zuwenden, statt nur menschliche Roboter zu programmieren.

Das, was Alfie Kohn dem Leser immer wieder deutlich machen will, ist, dass in der schulischen Wissensvermittlung ebenso wie bei der elterlichen Erziehung zu Hause ein Aspekt nie aus dem Blickfeld geraten darf: die Fürsorge für das Kind und die bedingungslose Akzeptanz des Kindes, egal, welche Versäumnisse ihm anzulasten sind und wie gut oder schlecht es bei Leistungsüberprüfungen in der Schule abgeschnitten hat. Absolut und bedingungslos. Jedes Kind sollte sich jederzeit  in seinem So-Sein angenommen fühlen, von seinen Eltern ebenso wie von seinen Lehrern und Lehrerinnen.

Das ist eine fast unmögliche Zielsetzung, wenn man die Leistungen der Kinder weiterhin mit Zensuren von 1 bis 6 beurteilt. Was diese Einstufung für die Kinder und Jugendlichen bedeutet, scheint noch wenig erforscht zu sein. Das heutige Bildungswesen baut immensen Druck auf. Kultusministerien, Wirtschaft, europäische und weltweite Vergleichsszenarien schrauben ihre Forderungen bezüglich des Wissens-Inputs immer höher.

Schüler, Lehrer, Eltern und Länder sehen sehen sich gleichermaßen einem ständigen Vergleichswettkampf ausgesetzt. Nach dem Sinn und Zweck derartiger Vergleiche wird nicht mehr gefragt. Es geht letztlich immer nur ums Gewinnen oder Verlieren. Wer nicht zu den Oberen auf einer Rangliste zählt, hat verloren und muss sich anstrengen, um beim nächsten Mal besser abzuschneiden. Wohin dieser ‚rat race‘ führen soll, steht nicht zur Diskussion. Welche Art von Wissen und Bildung als relevant und notwendig erachtet werden angesichts so vielfältiger Veränderungen unserer Lebenswelten, wird mit den Betroffenen nicht erörtert. Aber wer entscheidet und beurteilt das? Reformen kommen von oben, und wir Lehrer und Lehrerinnen wehren uns zu wenig dagegen, weil wir sie entweder nicht gleich durchschauen, weil uns die Zeit dazu fehlt, weil wir ohnehin eine schlechte Lobby haben und wir allein auf komplexe gesellschaftliche Entwicklungen nicht korrigierend oder diese gar aufhaltend meinen einwirken zu können. Wir resignieren eher, als dass wir uns auflehnen.

Diese und andere Fragen diskutiert Alfie Kohn in seinen Essays. Aber auch seine Lösungsansätze greifen nicht weit genug. Der gesamte Komplex der neuen Medien und ihr gesellschaftlicher Einfluss bleibt ausgeblendet. Er thematisiert ausführlich das Verhalten und die teilweise überzogenen Ansprüche und Forderungen von Eltern im schulischen Kontext. Er stellt in Frage, dass Belohnungen die Motivation von Schülern steigern, hierbei anknüpfend an den tief im amerikanischen Denken verwurzelten Behaviorismus, und gelangt zu vernichtenden Urteilen über diese Methode des Lehrens und Lernens, die nur vordergründiges Interesse wecke.

Es gäbe noch so vieles zu sagen über Alfie Kohns Kritik am Bildungssystem in den USA, die weltweit übertragbar ist, wie es scheint. Doch um sensibel zu werden für diese Thematik, reicht das bisher Gesagte allemal, denke ich.

Alfie Kohn, „Feel-Bad Education“. Sehr lesenswert, nicht nur für Leute vom Fach, sondern auch für Eltern, die sich für die schulischen und familiären Aspekte der Erziehungspolitik interessieren. Als Taschenbuch
und eBook erhältlich, leider bisher nur in Englisch.

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