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Curtis Sittenfeld, American Wife

Der Roman „American Wife“ der jungen amerikanischen Autorin Curtis Sittenfeld ist die mit viel Verve erzählte Lebensgeschichte der Hauptfigur Alice Lindgren, die – und das macht die Story für mich besonders lesenswert – der Figur der Laura Bush aus dem wahren Leben nachempfunden ist.

Ganz ehrlich: Laura Bush hat mich bis dato nicht sonderlich interessiert. George Bushs Herkunft, seine Präsidentschaft und was über sein Leben davor an die Öffentlichkeit gelang, haben ihn mir nicht gerade sympathisch gemacht. Zwangsläufig färbte sein Ruf auf das Ansehen seiner Frau und Familie ab. Oder nicht? Ich hatte mich schon häufiger gefragt, wie man es als Frau an seiner Seite wohl aushält. Nun habe ich darauf eine Antwort bekommen. Eine, die ich nicht erwartet habe.

Ich bin nicht enttäuscht worden. Als junges Mädchen, als Frau und später Ehefrau von Charles Blackwell, alias George Bush – immer überzeugt und beeindruckt Alice Lindgren bzw. Alice Blackwell mich, denn sie ist einfühlsam, zielstrebig, kritisch und überaus lebenstüchtig. Dennoch gerät sie in merkwürdige, lebensentscheidende, teilweise sogar tragische Situationen, in denen sie mein ganzes Mitgefühl hat. Ich bewundere sie für ihre Unneigennützigkeit und ihren praktischen Lebenssinn. Ihr wie dem Leser kommen Bedenken, als sie Charles Blackwell und später seine Familie kennen lernt. Sie passt sich nicht ohne Schwierigkeiten und erst allmählich an diese Welt der Reichen und ihre Rituale in der Großfamilie im schon reichlich heruntergekommenen Wochenenddomizil an. Unter der Woche sind die Aktivitäten der Frauen nicht weniger ritualisiert mit den Besuchen im Country Club, der Betreuung der Kinder und der Organisation von Familienzusammenkünften oder offiziellen Terminen. Der Clan und der unbedingte Zusammenhalt, die Loyalität allen Mitgliedern gegenüber, sind wichtiger als alles andere. Der enorme Luxus der teuren Country Clubs mit ihren eleganten Swinmmingpools, die dort mehr oder weniger untätig verbrachte Zeit mit ihren Schwägerinnen und den Kindern und das überwiegend belanglose Gechwätz über Nichtigkeiten des Alltags bereiten Alice gelegentlich ein schlechtes Gewissen. Sie bezweifelt die Angemessenheit eines derartigen, für selbstverständlich erachteten Wohlstands angesichts der Bedürftigkeit so vieler Menschen, und besonders derjenigen, die ihrer Ansicht nach etwas Besseres verdient haben, beispielsweise die begabte Enkelin der schwarzen Haushälterin ihrer Schwiegereltern, für deren Förderung sie sich vehement und nachhaltig einsetzt. Sie will sich nützlich machen und kein verwöhntes Anhängsel ihres Mannes sein, das allem und jedem zustimmt, um nicht in Ungnade bei ihm zu fallen.

Mehr als einmal fragt sie sich, ob ihre Entscheidung, Charles zu heiraten, richtig war. In einer kritischen Phase ihres Lebens, nämlich als er zum Alkoholiker zu werden droht, verlässt sie ihn mit der gemeinsamen Tochter und zieht für eine gewisse Zeit zu ihrer Mutter. Er ändert daraufhin seine Lebensweise radikal, denn ohne sie ist er verloren, ein Nichts. Sie kehrt zu ihm zurück, jedoch seine Schwächen und Defizite sind unübersehbar. Als Präsident der Vereinigten Staaten werden sie mehr als deutlich, denn Politik ist ein Geschäft, das ihn im Gegensatz zu Macht nicht interessiert und das er nicht versteht. Nur über Baseball kann er kompetent reden.

Diese Gedanken und Einsichten von Alice bilden den Anfang und das Ende des Romans, eine weitere kritische Lebensphase des Ehepaares. Alice trifft eine Entscheidung, wie schon so oft in ihrer Beziehung zu Charles: Sie mag seinen unwiderstehlichen Humor, den Sex mit ihm, den sie noch immer für den attraktivsten Mann hält; sie kann sich keinen anderen Partner an ihrer Seite vorstellen. Als Ehemann und Vater ist er ideal. Als Politiker und Präsidenten sieht sie ihren Mann kritisch wie eh und je. Eine geradezu schizophrene Situation. Man stelle sich die von ihr beschriebene morgendliche Szene im Schlafzimmer des amerikanischen Präsidentenpaars einmal plastisch vor: Während er aufsteht und duschen geht, liest sie  – noch im Bett liegend – die einschlägigen Tageszeitungen und vor allem die Artikel über den Präsidenten, über deren Inhalt und Tenor sie ihm Bericht erstattet. Und jeden Morgen ist sie wieder entzückt, mit welcher Sicherheit er das richtige Hemd zum richtigen Anzug mit absolut passender und ihn wunderbar kleidender Krawatte er auswählt. Schon allein deswegen liebt sie ihn. Sie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, ist dem Schönen durchaus erlegen. Nur passen diese Gedanken und Empfindungen so ganz und gar nicht zu den knallharten politischen Entscheidungen, für die George Bush steht und verantwortlich zeichnet. Ganz bewusst gibt Alice die Verantwortung an die Wähler zurück: Nicht sie hat gewollt, dass er Präsident wird, sondern die anderen haben ihn dazu gemacht. Sie selbst hat diese Position für ihn und sich nie angestrebt.

Zu einem relativ späten Zeitpunkt in ihrem Leben gesteht sie sich ein, dass ein Leben an der Seite ihrer ersten, einzigen und großen Liebe – Andrew Imhof – unter Umständen vielleicht doch zu eintönig und langweilig verlaufen wäre. Nie hätte sie so viel Spaß und Abwechslung gehabt wie an der Seite von Charles Blackwell. Diese Bilanz wiegt letzlich auch seine negativen Seiten auf. Diese plötzlich veränderte Sicht auf die Dinge irritiert den Leser zunächst. Aber auch dafür gibt es eine plausible Erklärung. Alice ist verantwortlich für den Tod des jungen Mannes, dem sie auf dem Weg zu einer Party, die sie besuchen wollten, aus Unachtsamkeit die Vorfahrt genommen hat. Sie hat den einzigen Mann, den sie je zu lieben glaubte, mit 17 Jahren getötet. Auch sie ist also nicht frei von Schuld und kann sich moralisch nur bedingt über ihren Ehemann erheben.

„American Wife“ ist mehr als ein Titel; es ist ein Programm, ein Projekt. Curtis Sittenfeld ist es gelungen, sehr unterschiedliche Frauentypen zu zeichnen, angefangen mit der stillen, zurückhaltenden Mutter von Alice, die dennoch genau weiß, was gut für sie und die Familie ist, über ihre vielseitig interessierte, sehr belesene und außergewöhnlich selbstbewusste Großmutter mit ihrer lesbischen Freundin, einer Gynäkologin, bis hin zu ihrer anmaßend direkten und unverblümten Schwiegermutter, die mehr Achtung vor Alice als ihrem eigenen Sohn zu haben scheint. Nicht zu vergessen ihre Freundin aus Kindertagen, Dena, deren Machenschaften den Lebensweg von Alice nicht unwesentlich beeinflussen. Männer kommen insgesamt in diesem Roman nicht so gut weg. Doch wenn sie ihn lesen, können sie eine Menge über sich und Frauen lernen.

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Mittelschicht-Kälber wählen sich ihre schwarz-gelben Schlächter selber

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Heute – am 8.6.2010 – hat der Wähler die ganz besondere Gelegenheit, in nahezu jeder Zeitung oder Webseite nachzulesen, wie die CDU-FDP Regierungskoalition ihn gnadenlos über den Tisch zieht. Aus jeder Ecke wird die Regierung für ihre Sparpläne  zu Lasten der sozial Schwachen kritisiert. Wird sich darum etwas ändern an der Urne? Ich glaube es nicht. Obwohl sich grad der Widerstand formiert, Opposition, Gewerkschaften und Sozialverbände Proteste gegen das schwarz-gelbe Sparpaket organisieren und es sogar aus der Wirtschaft und den eigenen Reihen Unmut gibt, ich schätze, schon nach wenigen Tagen oder Wochen wird sich der Selbstbetrug der Mittelschicht gleichmütig fortsetzen. Ob Frau Käßmann oder die Gewerkschaften es schaffen werden, die „Straße“ zu mobilisieren, bezweifle ich stark.

Egal ob Hoteliers ihre Milliarde kriegen oder Hartz4-Empfängern das Elterngeld gestrichen wird, die Mittelschicht bleibt bei ihrer Identifikation mit der sogenannten Elite. Trotz der seit Jahrzehnten sinkenden Reallöhne und stetig steigenden Massenarbeitslosigkeit ordnet sich der Bundesbürger weit mehrheitlich dem wohlhabenden Bürgertum zu. In Ulrike Herrmanns Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“schildert die Autorin die absurden politischen Folgen der hysterischen Sorge der Menschen, zur Unterschicht gezählt zu werden.

Regelrechte Verachtung wird den sozial Benachteiligten entgegengebracht, je stärker der eigene soziale Status bedroht ist. Frau Herrmann belegt, daß die Grundstimmung, Arme des Sozialschmarotzertums zu bezichtigen, mittlerweile zur Regierungspolitik avanciert ist. „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer ermittelte 2009, 47 Prozent der Bevölkerung meinten, daß Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent gaben an, daß sich Hartz4-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“. Auf solch eine breite Basis gestützt, ist es für Schwarz-Gelb  risikolos, das Volk durch Sozialabbau bluten zu lassen, kräftig bei den Ärmsten des Landes zu sparen und die Reichen zu verschonen.

Durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen  – Ulrike  Herrmann belegt es – wird die Fiktion aufrechterhalten, es gäbe eine Ausbeutung der Mittelschicht durch die Armen. Die Mittelschicht solle glauben, daß der Staat nur noch die Armen fördere, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen nur die Wohlhabenden wirklich profitierten. Die tabuisierte, permanente Umverteilung von unten nach oben werde sorgsam kaschiert, damit zB die eigentliche Ausplünderung zugunsten der Vermögen der Eliten und der Banken durch die „Rettungspakete“ als systemisch notwendig akzeptiert würden.

Die TAZ-Journalistin Ulrike Herrmann schreibt nicht wissenschaftlich analytisch, sondern mit legitimen, zugespitzten Vereinfachungen. Mag sie auch  pauschalierend Arme, Eliten und Mittelschicht nicht genau abgrenzen. Auch die Mittelschicht unterteilt sich letztlich in eine Reihe von Interessensgruppen mit stark gegensätzlichen Zielen.

Ihre Argumente sind dennoch schlüssig.  Die ausführliche Bibliographie  erlaubt es, unkompliziert in die Thematik einzusteigen, wenn man denn wollte. Es ist auf schockierende Weise bei Ulrike Herrmann zu erfahren, wie der Bundesbürger so tickt. Sie zeigt uns den Selbstbetrug eines Volkes, das meint, es würde „dazu gehören“, nur weil es sich vielleicht gerade einen BMW und Co. auf Leasing oder irgendwelche teuren Markenklamotten leisten kann. Es erkennt nicht, daß es nicht die bessergestellte Minderheit bildet, sondern die breite, betrogene Masse.

Podcast: Ellinor Krogmann im Gespräch mit der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann über den Selbstbetrug der Mittelschicht. SWR2 Impuls vom 3.05.2010

Wer ganz schnell die wahre Vermögensverteilung geschildert haben möchte, möge doch Georg Schramm einen Augenblick zuhören. Die Zahlen von Ulrike Herrmann haben nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Schramms Daten stammen von 2007 und früher.

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Rose Tremain, Trespass

Hätte eine englische Freundin mir zu Weihnachten nicht „The Road Home“ von Rose Tremain geschenkt, ich wäre vermutlich heute noch nicht auf diese ideenreiche, fantasievolle, einfühlsame und in jeder Hinsicht brilliante Autorin gestoßen.

Ich lese sie im Original und muss mich daher nicht auf mehr oder weniger gelungene Übersetzungen verlassen, um immer wieder ihre Genialität zu entdecken. Ich finde es wunderbar, wie sie sich in ihre weiblichen und männlichen Charaktere jeden Alters hineinversetzen kann, wie sie das Kolorit und Lebensgefühl einer Epoche erfassen und dem Leser vermitteln kann.  Sie gibt ihren Heldinnen und Helden  ein absolut überzeugendes Leben. Sie spielt mit der Historie, mit historischen Figuren, ihren Stärken und Schwächen, lässt den Leser tiefe Einblicke gewinnen in deren mitunter erschreckend begrenzte Lebensumstände –  zeitlich weit zurückliegende wie auch gegenwärtige.

Immer habe ich das Gefühl, etwas bei dieser Autorin zu lernen, meinen eigenen beschränkten Lebenshorizont zu erweitern in meiner Sichtweise auf Dinge und Menschen, nachdem ich gelesen und miterlebt habe, was Rose Tremain ihren Charakteren zumutet und wie diese sich jeweils mit ihrem Schicksal arrangieren. Ich fühle mich wie ein geläuterter Mensch nach der Lektüre ihrer Romane.

„Trespass“, ihr neuester Roman, kann in seiner Thematik stellvertretend stehen für viele ihrer Werke, von denen ich  neben „The Road Home“ bisher „Sacred Country“, „Music and Silence“ und „The Colour“ gelesen habe. Immer geht es um die Art und Weise, wie wir uns an anderen versündigen, ihr Leben beeinflussen oder zerstören, so dass sie sich nie mehr davon erholen. Die Einsicht kommt spät oder nie. Manche Dinge lassen sich zurechtrücken; in der Regel gibt es jedoch keine Wiedergutmachung; eine ausgleichende Gerechtigkeit vielleicht, aber keine Generalabsolution. Manche Charaktere entwickeln sich weiter, können sogar ihr Lebensglück finden, andere verharren lebenslang auf ihrem Standpunkt, sind sich keiner Schuld bewusst. Für manche gibt es keine Zukunft, für andere ist sie nur unter veränderten Bedingungen möglich. Manchmal ist auch Überraschung im Spiel, aber in den Schoß fällt niemandem etwas.

Oft erinnert mich Rose Tremain an die große amerikanische Meisterin ihres Fachs, Joyce Carol Oates. Und im Falle von „Trespass“ an deren Roman „We Were the Mulvaneys“. Das ist große Literatur. Auf die eine oder andere Art und Weise hat sie immer mit unseren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen zu tun. Diese Romane bewirken etwas in uns, und sei es nur, dass sie uns demütiger und verständiger gegenüber unserem eigenen Leben und seinen Unzulänglichkeiten machen.

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Ronald Reng, The Funny German

„The Funny German“, ‚Der lustige Deutsche‘? Das gibt es doch gar nicht, denke ich, als ich den Titel lese. Ein lieber Freund hat mir das Buch geschenkt, u.a., weil es in London spielt, und er kennt meine Vorliebe für England, die Engländer und London.

Der Autor, Ronald Reng, ist trotz des englisch anmutenden Vornamens Deutscher, hat von 1996 bis 2001 selbst in London gelebt. ‚Der lustige Deutsche‘! Erinnert mich plötzlich an ein Gericht, das ich als Studentin oft beim Jugoslawen bestellt habe: Der lustige Bosniak! Klingt irgendwie nach Volksmusik und aufgesetzter Heiterkeit. Mit solchen, wenn mir auch nur unterschwellig bewussten Gefühlen beginne ich den Roman zu lesen, in der Erwartung, dass es jetzt gleich mächtig lustig zugehen müsste im schönen London. Stattdessen erfährt man von der Nervosität des deutschen Komikers Andreas Merkel – Angela Merkel: Was hat der Autor sich bei dieser Namensgebung gedacht? – vor seinem abendlichen Auftritt in einem Pub; von seinen Lockerungsübungen der Kiefermuskulatur mit einem Korken. Viel zu früh hat er sich auf den Weg gemacht im Auto seines Freundes und Managers Jim Merton. Er wirkt übermäßig angespannt, behauptet, vor Auftritten nie Alkohol zu trinken, um sich dann in einem Pub einen Kaffee mit Rum zu bestellen, womit sowohl auf den selbstgerechten Heuchler als auch das gleichnamige Getränk, nämlich den Pharisäer, angespielt werden soll. So zumindest kommt mir diese Textstelle vor. Er versucht sich damit von einer ausgesprochen peinlichen und unangenehmen Situation mit einem Schwarzen in einem Supermarkt zu erholen, den er noch kurzfristig aufgesucht hat und eiligst verlässt, um nicht in eine handgreifliche Auseinandersetzung und mehr verwickelt zu werden. Die Provokation allerdings ging von ihm selbst aus. Man spürt gleich, dass man es bei der Hauptfigur mit einem etwas schwierigen Zeitgenossen zu tun hat, der das Talent besitzt, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das man ihm hinstellt; ein Mensch, der die Dinge nicht so im Griff zu haben scheint, wie er uns manchmal glauben machen will. Wenn Komiker, denke ich, dann mit den ‚Tears Of A Clown‘, einem meiner Lieblingssongs längst vergangener Zeiten.

Und es soll noch schlimmer kommen: Einer spontanen Regung folgend, macht er sich noch kurz vor Beginn seines Auftritts auf den Weg zu seiner Lieblingspatisserie in einer Nebenstraße, um ein Croissant zu erstehen. Dort jedoch kommt er nie an. Wie aus dem Nichts kommend taucht links von ihm plötzlich ein Radfahrer aus der Dunkelheit vor seiner Windschutzscheibe auf. Er ist nicht zu schnell gefahren, kann aber auch nicht mehr bremsen und überfährt den zwölfjährigen Jungen, der sofort tot ist. Wegen der vollaufgedrehten Musik im Auto hat Merkel ihn weder kommen hören, noch war er gefasst darauf. Das Bild wird er nun nicht mehr los. Vorbei ist es nun mit seinem Lachen und seiner Lustigkeit. Man klagt ihn nicht an, man verurteilt ihn nicht, doch damit kann sich niemand trösten, der einen Menschen – unter welchen Umständen auch immer – getötet hat. Paradoxerweise  nimmt sowohl der Bekanntheitsgrad als auch der Erfolg von Andreas Merkel, „The Funny German“, genau wegen dieses Unfalls zu, über den nach und nach auch in den Medien berichtet wird. Sogar die Mutter des getöteten Jungen sucht den Kontakt zu ihm – nicht, um ihn anzuklagen, sondern um mit ihrem Schmerz über den unbegreiflichen Verlust besser zurechtzukommen. Später stellt sich heraus, dass Freunde des Jungen die Bremsen an seinem Fahrrad manipuliert hatten, so dass er gar nicht hat reagieren können. Tragisch die ganze Situation, auch oder gerade wegen der Unvermeidlichkeit der Katastrophe.

In dieser Zeit lernt Merkel die junge Studentin Orla kennen, mit der er sich erstmalig eine feste Beziehung vorstellen kann. Im Verlauf des Romans wird dem Leser deutlich, dass Andreas‘ Aufenthalt in London als Komiker nach erfolgreichem Abschluss seines Masterkurses an der London School of Economics auch als eine Flucht vor den Eltern im norddeutschen Emden und ihren Erwartungen an den Sohn zu deuten ist. Seine beiden Schwestern sind als Ärztin und Krankenschwester bereits in die Fußstapfen des Vaters und sicherlich anerkannten Arztes getreten.  Andreas hegt keinerlei Karrieregedanken bezüglich seines abgeschlossenen Studiums , außer denen, seinen Durchbruch als Komiker in London zu schaffen, von dem er nun – so sein Manager – nur noch Millimeter entfernt sei. Er verzichtet sogar auf eine Tournee durch Australien, die ihm Erfolg über England hinausgehend in Aussicht gestellt hätte. Allerdings hätte er sich  von nun an  unter die Fittiche einer herrischen und ambitionierten Agentin begeben  müssen.

Es ist fraglich, ob Andreas‘ Gags ausgereicht hätten, ihn außerhalb Englands erfolgreich und berühmt zu machen. Sie basieren auf den üblichen Vorurteilen der Engländer gegenüber Deutschen. Die verlorenen Weltkriege, der Sieg Englands über Deutschland im Fußball liefern den Stoff. Andreas macht sich bereitwillig zum Opfer, lässt sich vom oft stark alkoholisierten Publikum anpflaumen und beleidigen, ohne jedoch seinen kritisch-analytischen Blick auf die englischsprachige Welt und ihre Absurditäten zu verlieren. ‚Funny‘, wenn überhaupt, ist die Möglichkeit, in einem Land wie England als Deutscher abzutauchen, Erfolg zu haben, um die Häuser in Londons angesagten Vergnügungsvierteln zu ziehen und das Leben zu genießen, solange man noch einigermaßen jung ist.

Ich gebe zu, ich hatte anderes erwartet. Doch ich kann Andreas‘ Vorliebe für das Londoner Lebensgefühl nachempfinden. Entlarvend an seinen Gags als „The Funny German“ sind allerdings weniger die Inhalte als das, worüber Engländer in diesen Zeiten immer noch lachen können und lachen wollen. Irgendwann wird das kein Thema mehr sein.

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Ronald Reng, Is It – A Funny German?

Ich kann es kaum glauben, daß Engländer sich immer noch derartig über den bloody Nazi-German lustig machen sollen. Genau darum geht es vordergründig im Roman von Ronald Reng. Da spiegelt der Komiker Andreas Merkel den noch im Adrenalinrausch verhafteten Brokern der Londoner City, die sich abendlich den Gierstress schönsaufen, wie heftig Briten- und Deutschenbild aufeinanderprallen.

Durchaus mit Unbehagen liest man Rengs Roman. Wer mag schon so genau geschildert kriegen, wie andere einen sehen? Wie sie nicht lassen können von alten Vorurteilen und böser Rede. Wie im scheinbar sich rasend wandelndem Europa Feindbilder bestehen bleiben. Reng macht sich auf, in diesem Minenfeld der verbuddelten Gefühle einen innerlich zerrissenen deutschen Alleinunterhalter in Londoner Pubs auftreten zu lassen. Weder hat sich Andreas Merkel ganz assimiliert, selbst nach Jahren nicht, noch weiß er wirklich, was er will. Trotz verläßlicher Freunde ist er nicht im Selbstverständnis der Zugehörigkeit angekommen. Weder zum Land noch zum Beruf, in dem er sich als Exot und Neuling mehr schlecht als recht durchschlägt.

Als ihm in der niederschmetternden Katastrophe seiner schuldlosen Beteiligung am Tode eines 12-jährigen Schülers die Absurdität seiner Komikerlaufbahn so richtig in die Magengrube fährt, steigert sich der Lebenswahnsinn weiter. Sein Freund und Manager nutzt den Vorfall ganz englisch-pragmatisch zur Vermarktung. Typisch deutsch quält sich der moralische Stand-up Comedian mit Skrupeln über seinen steigenden Erfolg beim Publikum.

Auch wenn die Sprache des Romans teils eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen zu kopieren scheint, so mochte ich das Buch. Man wird das Gefühl nicht los, daß sowohl der Protagonist zwischen den Welten steht, wie auch der Autor. Und wie geht’s einem selbst? Weil die Dinge nicht immer so eindeutig und einfach sind, neigt man lieber dem Klaren zu. Es schmerzt, auf solch deutsche Art die innere Zerrissenheit zu spüren zu bekommen. Swinging London im jugendlichen Leichtsinn erlebt, kommt in dem Buch nicht vor. Unaufdringlich und fast weiblich einfühlsam zeigt Reng, daß wahre Lebensfreude trotz und mit dem Schmerz und der Absurdität des Lebens Einzug halten kann. Das macht er gut, eben deutsch, und doch sehr lesenswert.

Ich hätte allerdings ein weniger absurd-blödes Coverbild bevorzugt.

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