Archive | August, 2011

Feel-Bad Education: Essays on Children and Schooling by Alfie Kohn

feel-bad education

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Der Titel „Feel-Bad Education“ von Alfie Kohn und das Titelfoto des gequält dreinschauenden Jungen auf dem Einband des Buches wirken für einen Profi beunruhigend .

So möchte ich als Lehrerin nicht gesehen werden. Man denkt doch, dass man in diesem Beruf etwas Sinnvolles leistet. Bildung zu vermitteln, sehe ich als Zuwendung zum Menschen. Und nicht als Frust-Dienst für mich und meine Schüler.

Woran die Vermittlung schon lange krankt, ist das zunehmende Desinteresse der Schüler am Lehrstoff. Das betrifft in meinem Fall Literatur genauso wie den Grammatikunterricht, im Deutschen wie im Englischen. Schüler scheinen es nicht so wichtig zu nehmen, ob sie sich fundamentales Wissen aneignen oder wie gut sie etwas beherrschen. Es ist kaum Bemühen zu erkennen, wenig Lust und Neugier. Intensive Vorbereitungen eines Projektthemas mit Kollegen ändern wenig, die Schüler und Schülerinnen springen darauf nicht an, und man selbst ist maßlos enttäuscht.

Neue Curricula, Methoden und Schulreformen der letzten Jahren haben daran nichts ändern können; ebenso wenig verbessert an der Lehr- und Lernsituation haben minutiös ausformulierte Erwartungshorizonte oder detailliert aufgelistete Kernkompetenzen.

Liegt es an der Ausrichtung all dieser Maßnahmen? Die neuen Methoden zielen im Wesentlichen auf Steigerung des Inputs. Mehr Wissen, mehr Fakten sollen in immer kürzerer Zeit an die Lernenden mit ausgeklügelten Techniken herangebracht und mit justiziablen Leistungstests auf Effizienz überprüft werden.

Neue Schulformen sind mehrheitlich auf den Lehrstoff und weniger auf die einzelnen Schüler hin orientiert. Hier setzt Alfie Kohns Kritik an. Lernen und Bildung sind mehr als ein Input-Output-Verhältnis, ein Denken, dass sich im Bildungswesen leider zunehmend breitmacht. Es funktioniert nicht, mehr anzubieten und zu fordern, also den Wissensumfang zu erhöhen, um dann in Leistungstests mehr herausholen zu können.

Leider ist es das, was wir Lehrerinnen und Lehrer heute gezwungen sind zu tun: Wir bereiten Schüler und Schülerinnen auf Leistungstests vor wie Rennstallbesitzer ihre Pferde auf Rennen. Wir befinden uns in einem Wettkampf; wir schreiben jahrgangsbezogene Vergleichsarbeiten, und wir erzeugen ganz viel Frustration auf beiden Seiten, und wenn unsere Klasse in der jeweiligen Vergleichsarbeit schlecht abschneidet, fällt das auch auf uns zurück. Schnell wird das schlechte Leistungsniveau und der fehlende Leistungswille als Entschuldigung angeführt.

Alfie Kohn zeigt auf, dass unser Blick zu wenig auf den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin und den Sinn und Zweck von Lerninhalten gerichtet ist. Heute bedeutet dies, im Widerspruch zu den Vorgaben des Schulamtes zu stehen. Schüler wie Lehrer werden von Amts wegen als berechenbare Größen betrachtet, die politische Normen erfüllen sollen. Jeder soll Bildung erfahren, niemand zurückgelassen und die Forderungen der Wirtschaft an die Qualifikation des Nachwuches sollen erfüllt werden.

Kohns Forderungen nach wesentlich mehr individueller Betreuung würden sowohl das Lerntempo verringern als auch Lerninhalte modifizieren. Wir würden aus dem Lehr- und Lernrhythmus bezüglich der zu schreibenden Leistungstests herausfallen. Wir dürften uns wieder mehr dem Menschen zuwenden, statt nur menschliche Roboter zu programmieren.

Das, was Alfie Kohn dem Leser immer wieder deutlich machen will, ist, dass in der schulischen Wissensvermittlung ebenso wie bei der elterlichen Erziehung zu Hause ein Aspekt nie aus dem Blickfeld geraten darf: die Fürsorge für das Kind und die bedingungslose Akzeptanz des Kindes, egal, welche Versäumnisse ihm anzulasten sind und wie gut oder schlecht es bei Leistungsüberprüfungen in der Schule abgeschnitten hat. Absolut und bedingungslos. Jedes Kind sollte sich jederzeit  in seinem So-Sein angenommen fühlen, von seinen Eltern ebenso wie von seinen Lehrern und Lehrerinnen.

Das ist eine fast unmögliche Zielsetzung, wenn man die Leistungen der Kinder weiterhin mit Zensuren von 1 bis 6 beurteilt. Was diese Einstufung für die Kinder und Jugendlichen bedeutet, scheint noch wenig erforscht zu sein. Das heutige Bildungswesen baut immensen Druck auf. Kultusministerien, Wirtschaft, europäische und weltweite Vergleichsszenarien schrauben ihre Forderungen bezüglich des Wissens-Inputs immer höher.

Schüler, Lehrer, Eltern und Länder sehen sehen sich gleichermaßen einem ständigen Vergleichswettkampf ausgesetzt. Nach dem Sinn und Zweck derartiger Vergleiche wird nicht mehr gefragt. Es geht letztlich immer nur ums Gewinnen oder Verlieren. Wer nicht zu den Oberen auf einer Rangliste zählt, hat verloren und muss sich anstrengen, um beim nächsten Mal besser abzuschneiden. Wohin dieser ‚rat race‘ führen soll, steht nicht zur Diskussion. Welche Art von Wissen und Bildung als relevant und notwendig erachtet werden angesichts so vielfältiger Veränderungen unserer Lebenswelten, wird mit den Betroffenen nicht erörtert. Aber wer entscheidet und beurteilt das? Reformen kommen von oben, und wir Lehrer und Lehrerinnen wehren uns zu wenig dagegen, weil wir sie entweder nicht gleich durchschauen, weil uns die Zeit dazu fehlt, weil wir ohnehin eine schlechte Lobby haben und wir allein auf komplexe gesellschaftliche Entwicklungen nicht korrigierend oder diese gar aufhaltend meinen einwirken zu können. Wir resignieren eher, als dass wir uns auflehnen.

Diese und andere Fragen diskutiert Alfie Kohn in seinen Essays. Aber auch seine Lösungsansätze greifen nicht weit genug. Der gesamte Komplex der neuen Medien und ihr gesellschaftlicher Einfluss bleibt ausgeblendet. Er thematisiert ausführlich das Verhalten und die teilweise überzogenen Ansprüche und Forderungen von Eltern im schulischen Kontext. Er stellt in Frage, dass Belohnungen die Motivation von Schülern steigern, hierbei anknüpfend an den tief im amerikanischen Denken verwurzelten Behaviorismus, und gelangt zu vernichtenden Urteilen über diese Methode des Lehrens und Lernens, die nur vordergründiges Interesse wecke.

Es gäbe noch so vieles zu sagen über Alfie Kohns Kritik am Bildungssystem in den USA, die weltweit übertragbar ist, wie es scheint. Doch um sensibel zu werden für diese Thematik, reicht das bisher Gesagte allemal, denke ich.

Alfie Kohn, „Feel-Bad Education“. Sehr lesenswert, nicht nur für Leute vom Fach, sondern auch für Eltern, die sich für die schulischen und familiären Aspekte der Erziehungspolitik interessieren. Als Taschenbuch
und eBook erhältlich, leider bisher nur in Englisch.

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Schreiben fürs Internet

Träumen ist Pflicht

Träumen ist Pflicht

Écrire, c’est se cacher derrière les mots tout á se mettant á nu.” (Schreiben ist sich Verstecken hinter Worten, um sich dabei zu entblößen.)

Lesen wir nicht in der Hoffnung, etwas offenbart zu bekommen? Wenn der Autor nicht bereit ist, kann der Leser noch so schürfen, findet nur Plattheiten und Kitsch. Der Autor muß von der Entblößung wissen, Gespaltenheit auch schmerzhaft annehmen und Zweifel lassen. Auch den, den er dem Leser zumutet.

When you write well, you’ll know it. You’ll feel more naked than if you walked nude down Fifth Avenue in New York City.”  Dr. Abraham Rothberg.“ Be prepared for the sting. You can’t dance naked without running into some hornets.“  (Wenn Du gut schreibst, weißt Du es. Du fühlst Dich nackter, als wenn Du in New York ganz nackend die Fith Avenue entlang gehen würdest. Sei auf den Stich gefasst. Du kannst nicht nackend tanzen, ohne Hornissen zu begegnen)

Mein Tagebuch versteht mich, wenn ich mich grün fühlend rot nenne. Wenn ich grün fühle, mich aber im öffentlichen Text wahn-sinnig rot beschreibe, dann kenne ich mich nicht. Dem Leser wurde Offenbarung heimlich zugesagt und doch nicht zugestanden. Weil man im tiefsten Grunde seines Herzens doch nur Verstecken spielen will? Nur die Eitelkeit bedienen? Wäre ja im Web kein Wunder. Wäre aber ein Verstoß gegen das Sinngebot des ersten Zitats.

Es ist die Krux des Wunsches, Empfindungen mit Worten zu vermitteln. Worte zerlegen, sind ein-dimensional und trennend. Bilder sind durch Worte nicht zu fassen, sie lassen auch mehr Raum, trotz ihrer Promptheit. Ich akzeptiere mein Gefühl zu einem Bild sofort. Ich akzeptiere, daß mein Gefühl mir unerklärlich ist. Text jedoch, meine ich, analysieren zu können, er läßt mir Zeit zu überlegen. Er löst die Ganzheit auf und zerlegt Gefühl in scheinbar verdaubare Portionen. Nutze ich Text jedoch wie Bilder, bleibe ich vage und allzu sehr gefühlsverloren, gebe ich Worthülsen mehr Raum als ihnen zusteht.

Sprache gibt vor allem vor, Kontrolle zu behalten. Sie verführt, am Wort zu kleben, um der Verlorenheit in der Empfindung zu entgehen. Aber es sind grad nicht nur Worte, die mich in Webseiten oder in Blogs so gern stöbern lassen. Das, was mich zu mehr Wandlung anregt, suche ich.

Dem Schreiben kann, ja, Eitelkeit nicht abgesprochen werden. Warum also veröffentlichen? Wirklich nur aus Eitelkeit? Wohl kaum.

Wenn Selbstentblößung unvermeidlich bleibt, wird Träumen Pflicht. Verstandesschichten offenbaren nicht genug. Erkenntnis ist nicht linear zu haben. Worte müssen sich ergeben dürfen, wenn das Selbst überrascht sein soll.

Vielleicht liegt darin grad der Spaß, das Ich nun schreibgewandelt neu zu präsentieren. Was vor dem Schreiben nicht erkennbar war, auf einmal freudig teilen wollen, dem unvergessenen Kind wieder das Spielen zu gestatten.

Wie wohl ist dem, der dann und wann Sich etwas Schönes dichten kann! (…) Der Dichter, dem sein Fabrikat So viel Genuß bereitet hat, Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn, Auch andern damit wohlzutun,…“ (Wilhelm Busch)

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