Archive | August, 2010

Curtis Sittenfeld, American Wife

Der Roman „American Wife“ der jungen amerikanischen Autorin Curtis Sittenfeld ist die mit viel Verve erzählte Lebensgeschichte der Hauptfigur Alice Lindgren, die – und das macht die Story für mich besonders lesenswert – der Figur der Laura Bush aus dem wahren Leben nachempfunden ist.

Ganz ehrlich: Laura Bush hat mich bis dato nicht sonderlich interessiert. George Bushs Herkunft, seine Präsidentschaft und was über sein Leben davor an die Öffentlichkeit gelang, haben ihn mir nicht gerade sympathisch gemacht. Zwangsläufig färbte sein Ruf auf das Ansehen seiner Frau und Familie ab. Oder nicht? Ich hatte mich schon häufiger gefragt, wie man es als Frau an seiner Seite wohl aushält. Nun habe ich darauf eine Antwort bekommen. Eine, die ich nicht erwartet habe.

Ich bin nicht enttäuscht worden. Als junges Mädchen, als Frau und später Ehefrau von Charles Blackwell, alias George Bush – immer überzeugt und beeindruckt Alice Lindgren bzw. Alice Blackwell mich, denn sie ist einfühlsam, zielstrebig, kritisch und überaus lebenstüchtig. Dennoch gerät sie in merkwürdige, lebensentscheidende, teilweise sogar tragische Situationen, in denen sie mein ganzes Mitgefühl hat. Ich bewundere sie für ihre Unneigennützigkeit und ihren praktischen Lebenssinn. Ihr wie dem Leser kommen Bedenken, als sie Charles Blackwell und später seine Familie kennen lernt. Sie passt sich nicht ohne Schwierigkeiten und erst allmählich an diese Welt der Reichen und ihre Rituale in der Großfamilie im schon reichlich heruntergekommenen Wochenenddomizil an. Unter der Woche sind die Aktivitäten der Frauen nicht weniger ritualisiert mit den Besuchen im Country Club, der Betreuung der Kinder und der Organisation von Familienzusammenkünften oder offiziellen Terminen. Der Clan und der unbedingte Zusammenhalt, die Loyalität allen Mitgliedern gegenüber, sind wichtiger als alles andere. Der enorme Luxus der teuren Country Clubs mit ihren eleganten Swinmmingpools, die dort mehr oder weniger untätig verbrachte Zeit mit ihren Schwägerinnen und den Kindern und das überwiegend belanglose Gechwätz über Nichtigkeiten des Alltags bereiten Alice gelegentlich ein schlechtes Gewissen. Sie bezweifelt die Angemessenheit eines derartigen, für selbstverständlich erachteten Wohlstands angesichts der Bedürftigkeit so vieler Menschen, und besonders derjenigen, die ihrer Ansicht nach etwas Besseres verdient haben, beispielsweise die begabte Enkelin der schwarzen Haushälterin ihrer Schwiegereltern, für deren Förderung sie sich vehement und nachhaltig einsetzt. Sie will sich nützlich machen und kein verwöhntes Anhängsel ihres Mannes sein, das allem und jedem zustimmt, um nicht in Ungnade bei ihm zu fallen.

Mehr als einmal fragt sie sich, ob ihre Entscheidung, Charles zu heiraten, richtig war. In einer kritischen Phase ihres Lebens, nämlich als er zum Alkoholiker zu werden droht, verlässt sie ihn mit der gemeinsamen Tochter und zieht für eine gewisse Zeit zu ihrer Mutter. Er ändert daraufhin seine Lebensweise radikal, denn ohne sie ist er verloren, ein Nichts. Sie kehrt zu ihm zurück, jedoch seine Schwächen und Defizite sind unübersehbar. Als Präsident der Vereinigten Staaten werden sie mehr als deutlich, denn Politik ist ein Geschäft, das ihn im Gegensatz zu Macht nicht interessiert und das er nicht versteht. Nur über Baseball kann er kompetent reden.

Diese Gedanken und Einsichten von Alice bilden den Anfang und das Ende des Romans, eine weitere kritische Lebensphase des Ehepaares. Alice trifft eine Entscheidung, wie schon so oft in ihrer Beziehung zu Charles: Sie mag seinen unwiderstehlichen Humor, den Sex mit ihm, den sie noch immer für den attraktivsten Mann hält; sie kann sich keinen anderen Partner an ihrer Seite vorstellen. Als Ehemann und Vater ist er ideal. Als Politiker und Präsidenten sieht sie ihren Mann kritisch wie eh und je. Eine geradezu schizophrene Situation. Man stelle sich die von ihr beschriebene morgendliche Szene im Schlafzimmer des amerikanischen Präsidentenpaars einmal plastisch vor: Während er aufsteht und duschen geht, liest sie  – noch im Bett liegend – die einschlägigen Tageszeitungen und vor allem die Artikel über den Präsidenten, über deren Inhalt und Tenor sie ihm Bericht erstattet. Und jeden Morgen ist sie wieder entzückt, mit welcher Sicherheit er das richtige Hemd zum richtigen Anzug mit absolut passender und ihn wunderbar kleidender Krawatte er auswählt. Schon allein deswegen liebt sie ihn. Sie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, ist dem Schönen durchaus erlegen. Nur passen diese Gedanken und Empfindungen so ganz und gar nicht zu den knallharten politischen Entscheidungen, für die George Bush steht und verantwortlich zeichnet. Ganz bewusst gibt Alice die Verantwortung an die Wähler zurück: Nicht sie hat gewollt, dass er Präsident wird, sondern die anderen haben ihn dazu gemacht. Sie selbst hat diese Position für ihn und sich nie angestrebt.

Zu einem relativ späten Zeitpunkt in ihrem Leben gesteht sie sich ein, dass ein Leben an der Seite ihrer ersten, einzigen und großen Liebe – Andrew Imhof – unter Umständen vielleicht doch zu eintönig und langweilig verlaufen wäre. Nie hätte sie so viel Spaß und Abwechslung gehabt wie an der Seite von Charles Blackwell. Diese Bilanz wiegt letzlich auch seine negativen Seiten auf. Diese plötzlich veränderte Sicht auf die Dinge irritiert den Leser zunächst. Aber auch dafür gibt es eine plausible Erklärung. Alice ist verantwortlich für den Tod des jungen Mannes, dem sie auf dem Weg zu einer Party, die sie besuchen wollten, aus Unachtsamkeit die Vorfahrt genommen hat. Sie hat den einzigen Mann, den sie je zu lieben glaubte, mit 17 Jahren getötet. Auch sie ist also nicht frei von Schuld und kann sich moralisch nur bedingt über ihren Ehemann erheben.

„American Wife“ ist mehr als ein Titel; es ist ein Programm, ein Projekt. Curtis Sittenfeld ist es gelungen, sehr unterschiedliche Frauentypen zu zeichnen, angefangen mit der stillen, zurückhaltenden Mutter von Alice, die dennoch genau weiß, was gut für sie und die Familie ist, über ihre vielseitig interessierte, sehr belesene und außergewöhnlich selbstbewusste Großmutter mit ihrer lesbischen Freundin, einer Gynäkologin, bis hin zu ihrer anmaßend direkten und unverblümten Schwiegermutter, die mehr Achtung vor Alice als ihrem eigenen Sohn zu haben scheint. Nicht zu vergessen ihre Freundin aus Kindertagen, Dena, deren Machenschaften den Lebensweg von Alice nicht unwesentlich beeinflussen. Männer kommen insgesamt in diesem Roman nicht so gut weg. Doch wenn sie ihn lesen, können sie eine Menge über sich und Frauen lernen.

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