Archive | Juni, 2010

Mittelschicht-Kälber wählen sich ihre schwarz-gelben Schlächter selber

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Heute – am 8.6.2010 – hat der Wähler die ganz besondere Gelegenheit, in nahezu jeder Zeitung oder Webseite nachzulesen, wie die CDU-FDP Regierungskoalition ihn gnadenlos über den Tisch zieht. Aus jeder Ecke wird die Regierung für ihre Sparpläne  zu Lasten der sozial Schwachen kritisiert. Wird sich darum etwas ändern an der Urne? Ich glaube es nicht. Obwohl sich grad der Widerstand formiert, Opposition, Gewerkschaften und Sozialverbände Proteste gegen das schwarz-gelbe Sparpaket organisieren und es sogar aus der Wirtschaft und den eigenen Reihen Unmut gibt, ich schätze, schon nach wenigen Tagen oder Wochen wird sich der Selbstbetrug der Mittelschicht gleichmütig fortsetzen. Ob Frau Käßmann oder die Gewerkschaften es schaffen werden, die „Straße“ zu mobilisieren, bezweifle ich stark.

Egal ob Hoteliers ihre Milliarde kriegen oder Hartz4-Empfängern das Elterngeld gestrichen wird, die Mittelschicht bleibt bei ihrer Identifikation mit der sogenannten Elite. Trotz der seit Jahrzehnten sinkenden Reallöhne und stetig steigenden Massenarbeitslosigkeit ordnet sich der Bundesbürger weit mehrheitlich dem wohlhabenden Bürgertum zu. In Ulrike Herrmanns Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“schildert die Autorin die absurden politischen Folgen der hysterischen Sorge der Menschen, zur Unterschicht gezählt zu werden.

Regelrechte Verachtung wird den sozial Benachteiligten entgegengebracht, je stärker der eigene soziale Status bedroht ist. Frau Herrmann belegt, daß die Grundstimmung, Arme des Sozialschmarotzertums zu bezichtigen, mittlerweile zur Regierungspolitik avanciert ist. „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer ermittelte 2009, 47 Prozent der Bevölkerung meinten, daß Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent gaben an, daß sich Hartz4-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“. Auf solch eine breite Basis gestützt, ist es für Schwarz-Gelb  risikolos, das Volk durch Sozialabbau bluten zu lassen, kräftig bei den Ärmsten des Landes zu sparen und die Reichen zu verschonen.

Durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen  – Ulrike  Herrmann belegt es – wird die Fiktion aufrechterhalten, es gäbe eine Ausbeutung der Mittelschicht durch die Armen. Die Mittelschicht solle glauben, daß der Staat nur noch die Armen fördere, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen nur die Wohlhabenden wirklich profitierten. Die tabuisierte, permanente Umverteilung von unten nach oben werde sorgsam kaschiert, damit zB die eigentliche Ausplünderung zugunsten der Vermögen der Eliten und der Banken durch die „Rettungspakete“ als systemisch notwendig akzeptiert würden.

Die TAZ-Journalistin Ulrike Herrmann schreibt nicht wissenschaftlich analytisch, sondern mit legitimen, zugespitzten Vereinfachungen. Mag sie auch  pauschalierend Arme, Eliten und Mittelschicht nicht genau abgrenzen. Auch die Mittelschicht unterteilt sich letztlich in eine Reihe von Interessensgruppen mit stark gegensätzlichen Zielen.

Ihre Argumente sind dennoch schlüssig.  Die ausführliche Bibliographie  erlaubt es, unkompliziert in die Thematik einzusteigen, wenn man denn wollte. Es ist auf schockierende Weise bei Ulrike Herrmann zu erfahren, wie der Bundesbürger so tickt. Sie zeigt uns den Selbstbetrug eines Volkes, das meint, es würde „dazu gehören“, nur weil es sich vielleicht gerade einen BMW und Co. auf Leasing oder irgendwelche teuren Markenklamotten leisten kann. Es erkennt nicht, daß es nicht die bessergestellte Minderheit bildet, sondern die breite, betrogene Masse.

Podcast: Ellinor Krogmann im Gespräch mit der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann über den Selbstbetrug der Mittelschicht. SWR2 Impuls vom 3.05.2010

Wer ganz schnell die wahre Vermögensverteilung geschildert haben möchte, möge doch Georg Schramm einen Augenblick zuhören. Die Zahlen von Ulrike Herrmann haben nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Schramms Daten stammen von 2007 und früher.

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